Volker Hermsdorf: Brief aus Havanna (4)

ossietzkyEs stimmt, Kuba ist arm. Es bezeichnet sich selbst als Entwicklungsland. Die Wirtschaft ist zwar im vergangenen Jahr um gut drei Prozent gewachsen, und die Löhne stiegen im Schnitt sogar um rund sechs Prozent, doch alles vollzieht sich auf einem äußerst niedrigen Niveau. Der Durchschnittslohn von knapp 500 kubanischen Peso (unter 20 Euro) reicht bestenfalls zum Überleben, zu mehr nicht.

Der Schreck über die Zahl läßt etwas nach, wenn man erfährt, daß die meisten Wohnungen und Häuser Eigentum ihrer Bewohner sind, denn mehr als drei Viertel der Kubaner leben mietfrei in ihren eigenen vier Wänden. Die notwendigsten Grundnahrungsmittel gibt es zu symbolischen Preisen auf Bezugsheft (Libretta). Auch wenn es wenig ist, in anderen lateinamerikanischen Ländern haben viele Menschen nicht einmal das. Die oft gehörte Behauptung, daß es für die nationale Währung so gut wie nichts zu kaufen gibt, ist falsch. Die Märkte in Havanna sind in diesem Frühjahr gut sortiert mit Früchten, Obst und Gemüse. Dieses Jahr gibt es sogar Blumenkohl und Brokkoli, und die Preise sind – wie die Einkommen – bescheiden. Ein ganzes Brot gibt es ab neun Eurocent, eine Fahrt mit dem Bus durch das gesamte Stadtgebiet kostet weniger als ein Eurocent, der Menüpreis in einem Restaurant für nationale Währung liegt zwischen 50 Cent und knapp einem Euro, im weltberühmten Coppelia kostet eine Riesenportion mit fünf Kugeln Speiseeis nicht einmal 20 Eurocent, die Tasse Kaffee gibt es für drei Eurocent, ein Kinobesuch schlägt mit sechs Eurocent und eine Karte für das Theater oder die Oper mit etwa 30 bis 50 Eurocent zu Buche. Doch selbst bei den niedrigen Kosten ist es richtig, daß die meisten Menschen ohne zusätzliche Einnahmen – am besten in konvertierbaren Peso – nicht über den Monat kommen. Importierte Lebensmittel sind nur für Devisen zu bekommen, qualitativ halbwegs akzeptable Kleidung ebenso. Und wer sich den kleinen Luxus leistet, sein Bier in einer Hotelbar zu trinken, muß dafür Peso Convertible auf den Tresen legen.

All dies ist wahr, und es wäre verlogen, es nicht zu erwähnen. Aber es ist noch verlogener, eine Beschreibung Kubas auf diese Probleme des Alltags zu beschränken und nicht die ganze Realität der Insel zu berichten. Denn selbst während der schwersten Krise seiner Geschichte, unmittelbar nach dem Verschwinden der Sowjetunion, ist auf Kuba niemand verhungert. Hier gibt es keine Favelas wie in Brasilien oder Armenviertel wie in Mexiko, keine von kriminellen Mörderbanden beherrschten Stadtteile wie in Honduras oder El Salvador, keine Jagd auf Obdachlose und Straßenkinder durch paramilitärische Bürgerwehren, Militär- und Polizeieinheiten, keine Menschen, die auf Müllhalden vegetieren und im Abfall nach Eßbarem suchen, keine verwahrlosten Kinder, die versuchen, als Arbeitssklaven ihr Überleben zu sichern, und ihre jungen Gehirne durch Klebstoffschnüffelei zerstören, bevor sie eine Chance hatten, sich zu entwickeln. Wer Augen zum Sehen hat, kann nicht leugnen, daß es hier anders ist, als in den meisten Nachbarländern der Region.

Doch woran liegt es, daß die Heimat von José Martí sich so grundsätzlich von ihren Nachbarn unterscheidet? Was ist passiert, daß hier auch die Ärmsten – die es noch immer gibt – ihre Kinder auf die Schule und zur Universität schicken können, daß sie kostenlos versorgt und geheilt werden, wenn sie krank sind? Warum gelten hier die einfachen Arbeiter, die Bauern, die Alten, die Erwerbslosen und die Armen nicht als störende Elemente, als asozialer Abfall einer Konsumgesellschaft, sondern als Menschen, die Anspruch auf Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben besitzen und deren Würde von allen zu respektieren ist?

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