Warum Moncada?

moncadaHeute begehen wir den 63. Jahrestag des Angriffs auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba und somit den Beginn der Kubanischen Revolution
von Eva Aigner, Havanna

Der Aufsatz* setzt sich aus Passagen von Fidel Castros Verteidigungsrede am 16.10.1953 und einem Granma-Artikel (Granma, 29.3.2013/ Raquel Marrero Yanes: Por qué el Moncada?) zusammen.

Wer hat nicht gelesen oder gehört von den Anekdoten unserer Eltern und Großeltern, wie die soziale Situation im Kuba der 1950er Jahre war; die Arbeitslosigkeit, die schlechte medizinische Versorgung, die prekäre Wohnungssituation, der Analphabetismus, die Diskriminierung der Frau oder das unsichere Leben in ländlichen sowie urbanen Gebieten.
Wenn man diese Zeit vor 1959 vergleicht mit jener, in der wir heute leben, wirft das vor allem bei jungen Menschen, viele Fragen auf.
Aber wir wissen, dass es nur mit klaren Antworten und Interpretationen der Historiker und Forscher zu verstehen ist: warum Moncada?
Auf der dritten Sitzung des Forums „60. Jahrestag der Angriffe auf die Kasernen Moncada und Carlos Manuel de Céspedes“ an der Universität der wissenschaftlichen Informatik wurden auf diese und andere Fragen Antworten gegeben, die die ökonomische Situation Kubas dieser Zeit berücksichtigten.

Gloria Garcia, Forscherin des „Instituto de Historia de Cuba“ führt aus „dass es, um die kubanische Situation zu verstehen nicht ausreicht, nur die Zeit der Tyrannei Batistas zu studieren“ Sie erklärt auch, dass es notwendig ist, die Dekade der 40er Jahre zu betrachten und die Entwicklung der Zuckerproduktion, die in diesen Jahren das Zugpferd (original: „Lokomotive“) der kubanischen Wirtschaft war.

Fidel Castro selbst legt in seiner legendär gewordenen Verteidigungsrede 1953 die Gründe für den Sturm auf die Moncada Kaserne dar, die sich alle auf die damalige ökonomische und soziale Situation in Kuba beziehen:

Mehr als die Hälfte des besten bebauten Landes befindet sich in den Händen von Ausländern.
In unserer größten Provinz, in Oriente, reichen die Ländereien der United Fruit Company und der West Indian von der Nord- bis zur Südküste. Es gibt 200.000 Bauernfamilien, die nicht eine Elle Land besitzen, auf der sie ein bisschen Gemüse für ihre hungernden Kinder pflanzen könnten, und gleichzeitig liegen in den Händen mächtiger Interessenverbände etwa 4 Millionen Hektar fruchtbaren Landes brach.

Doktor Miguel Alejandro Figuera, Professor der Universität Havanna spricht darüber wie und warum es „2 Kuba“ gegeben hat, eines war die Stadt Havanna und das andere der Rest der Insel wobei mehr als die Hälfte der fruchtbaren Flächen in ausländischer Hand war, sich ausländisches Kapital vermehrt hat unter Ausbeutung der Bauern und Arbeiter die in völliger Armut ihr Dasein fristeten.

Da Cuba überwiegend ein Agrarland ist, da die Stadt vom Land abhängt, da das Land die Unabhängigkeit erkämpft hat, da die Größe und der Wohlstand unseres Landes ohne einen gesunden und starken Bauernstand, der sein Land liebt und zu bebauen versteht, und ohne einen Staat, der ihn schützt und führt, nicht zu denken ist – wie ist es möglich, dass dieser Zustand der Dinge bestehen bleibt?

Wir nennen, wenn es ums Kämpfen geht, die sechshunderttausend Kubaner Volk, die arbeitslos sind und sich ihr Brot auf ehrliche Weise verdienen wollen, ohne auswandern zu müssen; wir nennen Volk die fünfhunderttausend Landarbeiter, die in ihren elenden Bohíos leben, die vier Monate im Jahr arbeiten und für den Rest des Jahres ihr Elend mit ihren Kindern teilen, die nicht eine Handvoll Erde besitzen und die viel mehr Mitleid hervorrufen würden, wenn es nicht so viele steinerne Herzen gäbe; die vierhunderttausend Industriearbeiter und Lastträger, deren Alterspensionen unterschlagen werden, denen man ihre Errungenschaften nimmt, deren Behausungen die höllengleichen Zimmer der Arbeiterquartiere sind, deren Gehalt von den Händen des Chefs in die des Wucherers übergeht, deren Zukunft Lohnkürzung und Entlassung, deren Leben unaufhörliche Arbeit und deren einzige Erholung das Grab ist; die hunderttausend Kleinbauern, die auf einer Erde leben und sterben, die nicht ihnen gehört und die sie traurig betrachten wie Moses das gelobte Land, um dann zu sterben, ohne dass es ihnen gelungen wäre, sie zu erwerben, die als Feudalsklaven einen Teil ihrer Erzeugnisse für ihre Parzellen bezahlen müssen, die ihr Stück Land nicht lieben, nicht verbessern, nicht verschönern, die keine Zeder und keinen Orangenbaum pflanzen können, denn sie wissen nicht, ob nicht eines Tages ein Gerichtsdiener mit der Landpolizei kommt, um ihnen zu sagen, dass sie fortgehen müssen; die dreißigtausend Lehrer und Professoren, die sich selbstlos für das bessere Schicksal der zukünftigen Generationen aufopfern, für das sie so unentbehrlich sind, und die so schlecht behandelt und bezahlt werden; die zwanzigtausend kleinen Händler, die mit Schulden überhäuft sind, von der Krise ruiniert und von einer Meute von freibeuterischen und käuflichen Funktionären vollends umgebracht werden; die zehntausend jungen Leute: Ärzte, Ingenieure, Anwälte, Tierärzte, Pädagogen, Zahnärzte, Apotheker, Journalisten, Maler, Bildhauer und so weiter, die mit ihren Abschlussexamen aus den Hörsälen entlassen werden und voller Kampfeslust und Hoffnung sind und sich dann in einer Sackgasse wiederfinden, wo alle Türen verschlossen und alle Ohren für Klagen und Bitten taub sind. […]

85 % der kleinen kubanischen Landwirte zahlen Pacht und leben unter der beständigen Drohung, dass ihnen ihre Parzellen gekündigt werden können.

Etwas Nahrungsmittel-, Holz- und Textilindustrie ausgenommen, produziert Cuba noch immer vor allem Rohmaterial. Wir exportieren Zucker und importieren Bonbons, wir exportieren Leder und importieren Schuhe, wir exportieren Eisen und importieren Pflüge… Alle Welt ist sich einig darüber, dass es dringend nötig ist, das Land zu industrialisieren, dass wir eine Metallindustrie brauchen, eine Papierindustrie, eine chemische Industrie, dass Viehzucht und Ackerbau verbessert werden müssen, ebenso Technik und Ausbau unserer Lebensmittelindustrie, damit sie der vernichtenden Konkurrenz der europäischen Käse-, Kondensmilch-, Spirituosen- und Ölindustrie sowie der nordamerikanischen Konservenfabrikation standhalten kann, dass wir Handelsschiffe brauchen, dass der Tourismus eine Quelle enormen Reichtums sein könnte; aber die Besitzer des Kapitals verlangen, dass die Arbeiter am Hungertuch nagen, der Staat legt die Hände in den Schoss, und die Industrialisierung kann warten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.
Ebenso ernst oder noch schlimmer ist die Wohnungstragödie. Es gibt in Cuba 200.000 Bohíos und Hütten; 400.000 Familien auf dem Lande und in der Stadt leben in den alten Sklavenbaracken, in Arbeiterquartieren und Bidonvilles ohne die elementarsten Vorbedingungen für Hygiene und Gesundheit; 2 Millionen 200.000 Bewohner unserer Städte zahlen Mieten, die ein Fünftel bis ein Drittel ihrer Einkünfte verschlingen; und 2 Millionen 800.000 Menschen auf dem Lande und in den Vorstädten haben kein elektrisches Licht. Hier geschieht das gleiche: wenn der Staat die Mieten senken will, drohen die Besitzer damit, die gesamte Bautätigkeit einzustellen; tut der Staat nichts, so bauen sie, solange sie mehr Mieten erzielen können, und danach bauen sie nicht einen Stein mehr, mag auch der Rest der Bevölkerung unter freiem Himmel leben; ähnlich macht es das Elektrizitätsmonopol, es legt Leitungen bis dahin, wo es einen befriedigenden Profit erwarten kann, und danach ist es ihm gleich, ob die Leute für den Rest ihres Lebens im Dunkeln sitzen.
Der Staat legt die Hände in den Schoss, und das Volk lebt weiter ohne Häuser und ohne Licht.
Unser Unterrichtssystem passt wunderbar zu allem vorhergehenden: Wozu braucht man Landwirtschaftsschulen in einem Land, wo der Kleinbauer nicht Herr seiner Erde ist? Was sollen Industrie- und Technikschulen in einer Stadt, wo es keine Industrie gibt? Alles wird von der gleichen absurden Logik bestimmt: wo es das eine nicht gibt, kann es das andere auch nicht geben. In jedem beliebigen kleinen europäischen Land existieren mehr als zweihundert Fachschulen für industrielle und technische Ausbildung; in Cuba sind es nicht mehr als sechs, und die jungen Leute werden mit ihren Diplomen entlassen und finden keine Anstellung. Die kleinen öffentlichen Schulen auf dem Lande werden von weniger als der Hälfte der schulpflichtigen Kinder, die barfuß, halbnackt und unterernährt in den Unterricht kommen, besucht und oft ist es der Lehrer, der von seinem Gehalt das nötige Material besorgen muss.
[…]
Von einem so großen Elend kann einen nur der Tod befreien; und da allerdings hilft der Staat: beim Sterben. Neunzig Prozent der Landkinder werden von Parasiten aufgefressen, die aus der Erde unter die Nägel ihrer nackten Füße dringen. Die Gesellschaft erregt sich voller Mitgefühl, wenn ein Kind entführt oder ermordet wird, aber sie bleibt verbrecherisch gleichgültig angesichts des Massenmordes, der an Tausenden und Abertausenden von Kindern begangen wird, die jährlich sterben, weil kein Geld da ist. Und wenn ein Familienvater vier Monate im Jahr arbeitet – wovon soll er Kleider und Medikamente für seine Kinder kaufen? Sie werden also rachitisch heranwachsen, mit dreißig Jahren haben sie keinen gesunden Zahn im Mund, sie werden zehn Millionen Reden gehört haben und schließlich elend und enttäuscht sterben. In die immer überfüllten staatlichen Krankenhäuser kommt man nur auf Empfehlung eines politischen Magnaten, der dem Unglücklichen und seiner ganzen Familie ihre Wahlstimmen abverlangt, damit es in Cuba auf ewig so oder schlimmer weitergehe.
Unter diesen Voraussetzungen wird man sich nicht wundern, dass von Mai bis Dezember eine Million Menschen arbeitslos sind und dass Cuba mit seiner Bevölkerung von fünfeinhalb Millionen Einwohnern zur Zeit mehr Arbeitslose hat als Frankreich und Italien mit je vierzig Millionen.
Wenn Sie, meine Herren Richter, einen Angeklagten wegen Diebstahls verurteilen, so fragen Sie nicht danach, wie lange er schon ohne Arbeit ist, wie viele Kinder er hat, an welchen Tagen der Woche er etwas zu essen hatte und an welchen nicht, Sie kümmern sich nicht im geringsten um die sozialen Bedingungen des Milieus, in dem er lebt; Sie schicken ihn ohne weitere Überlegungen ins Gefängnis. Nicht die Reichen kommen dahin, die Lagerhäuser und Läden anzünden, um die Versicherungsprämien zu kassieren, mögen auch ein paar Menschen dabei mitverbrennen, denn sie haben Geld im Überfluss, um Anwälte zu bezahlen und Richter zu bestechen. Sie schicken den Unglücklichen, der aus Hunger stahl, in den Kerker, aber nicht einer der Hunderte von Dieben, die dem Staat Millionen geraubt haben, hat jemals eine Nacht hinter Gittern verbracht. […]

Alle Arme könnten arbeiten und produzieren. Nein, das ist nicht unbegreiflich. Unbegreiflich ist, dass es Menschen gibt, die sich hungrig schlafen legen, solange es noch eine Handvoll unbebautes Land gibt; unbegreiflich ist, dass Kinder ohne ärztliche Hilfe sterben, dass dreißig Prozent unserer Landbevölkerung nicht ihren Namen schreiben kann und neunundneunzig Prozent nichts von kubanischer Geschichte weiß; unbegreiflich ist, dass die meisten Familien auf dem Lande unter schlechteren Bedingungen leben als die Indianer, die Columbus traf, als er das schönste Land entdeckte, das Menschenaugen je gesehen haben. […]

Die damaligen Zustände haben in mutiger Konsequenz zum 26. Juli 1953 geführt, der als Beginn der kubanischen Revolution in die Geschichte eingegangen ist.
Warum Moncada? Weil es an der Zeit war!

* ursprünglich veröffentlicht zum 60. Jahrestag

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