Software – made in Cuba

Computerprogramme made in Cuba für die Bereiche Wirtschaft, Verwaltung, Bildung, Gesundheit und das E-Learning

Computerprogramme made in Cuba für die Bereiche Wirtschaft, Verwaltung, Bildung, Gesundheit und das E-Learning

Am südwestlichen Stadtrand von Havanna steht die Software-Schmiede Kubas – die Universität der Informatikwissenschaften UCI (Universidad de las Ciencias Informáticas). Die UCI wurde im Jahr 2002 gegründet und entwickelt sich seither zu einem riesigen Wissenschaftskomplex. Yvonne Caridad Collada Peña, Direktorin der Abteilung Internationale Beziehungen, und der Dozent Edisel Navas Conyedo stellten sich den Fragen der „Cuba Sí-Revista“. (Das Gespräch führte Jörg Rückmann/AG Cuba Sí, www.cuba-si.org)

„Revista“: Der Name „Universität“ irritiert etwas …
Yvonne Caridad Collada Peña: Nun, die UCI ist tatsächlich mehr als eine Universität: Sie ist eine Stadt der Wissenschaften mit Zentren für die Lehre, für Forschung und Entwicklung, mit Testlabors, Produktionsstätten sowie Zweigstellen kubanischer Betriebe und Institutionen, die in die Entwicklung spezieller Computeranwendungen einbezogen sind. Wenn die letzten Bauabschnitte fertiggestellt sind, sollen hier einmal 20.000 Menschen leben, lernen, forschen und arbeiten. Die Bewohner unserer Stadt der Wissenschaften können sich sportlich und kulturell betätigen, hier gibt es Kinos, Theater, Sportanlagen und Cafés. Wir haben sogar ein Krankenhaus, das auch die Bewohner der umliegenden Stadtteile versorgt.
Unsere Studenten engagieren sich auch im so­zialen Bereich oder sind politisch aktiv. Die UCI hat in den Semesterpausen z. B. 20 000 Patienten aus der Misión Milagro (kubanisch-venezolanisches Programm für Augenoperationen) für die Zeit der postoperativen Phase aufgenommen. Viele unserer Studenten haben – gewissermaßen als Sozialarbeiter – diese Patienten betreut.

„Revista“: Wie viele Studenten sind derzeit an der UCI eingeschrieben?
Yvonne Caridad Collada Peña: Heute sind es ca. 5.000. In den Jahren 2008 und 2009 waren es 10.000, um den Bedarf an Informatikern in Kuba zu decken; heute orientiert sich diese Zahl natürlich an den vorhandenen und zukünftigen Arbeitsplätzen im Land. Ungefähr die Hälfte aller in Kuba arbeitenden Informatiker hat hier studiert.

„Revista“: Wie groß ist der Anteil von Frauen bei den Studenten und Lehrkräften?
Yvonne Caridad Collada Peña: Bis 2010 hatten wir einen Frauenanteil von 50 Prozent erreicht; heute sind es wieder mehr Män­ner, die hier Informatik studieren wollen. Unter den Dozenten und Professoren sind es im Bereich der Programmierung mehr Männer, bei der Analyse, in den Testlabors und in der Hochschulleitung sind die Frauen in der Überzahl.

„Revista“: Die UCI war früher eine militärische Einrichtung der sowjetischen Armee …
Yvonne Caridad Collada Peña: Die Geschichte reicht weiter zurück: Bis zur Revolution gab es an diesem Ort ein Gefängnis für Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten, ab 1964 unterhielt die sowjetische und nach 1990 die russische Armee auf einem Teil der heutigen Fläche eine Funkstation. Interessant ist: In Kuba gibt es mehrere Beispiele für die Umwandlung eines Militärkomplexes in eine Bildungseinrichtung. Aus der Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba wurde nach der Revolution eine Schule, und die internationale Medizinhochschule in Havanna (ELAM) war vorher eine Marineakademie.

„Revista“: Wie lange dauert das Studium an der UCI?
Edisel Navas Conyedo: Die Ausbildung dauert fünf Jahre, zuerst ein dreijähriges Grundlagenstudium, mit dem 4. Studienjahr beginnt dann die Spezialisierung. Unsere Einrichtung hat 7 Fakultäten mit 14 Entwicklungszentren. Die Abschlüsse entsprechen internationalen Normen (Bachelor, Master), und wir besitzen das Promotionsrecht. Die UCI ist zudem ein internationales Zentrum für postgraduale Aus- und Weiterbildung.
Aber wie gesagt, die UCI ist nicht nur eine Lehreinrichtung: Eine wichtige Aufgabe unserer Universität ist die Softwareentwicklung.

„Revista“: Software – made in Cuba?
Edisel Navas Conyedo: Ja – gegenwärtig laufen ca. 200 Projekte zur Softwareentwicklung, rund 75 Prozent davon für das Inland. Das ist notwendig, denn die internationale IT-Branche entwickelt sich rasant – und die USA halten an der Blockade gegen unser Land fest.
Kuba kämpft zum einen mit Problemen bei der Beschaffung von Technik: Spezielle Komponenten oder Ersatzteile sind oft nur auf Umwegen, mit langen Transportwegen oder für hohe Preise zu bekommen. Zum anderen fallen viele der heute gängigen Programme unter die Blockadebestimmungen. Wenn es uns möglich ist, Software zu kaufen oder Lizenzen zu erwerben, kostet das den Staat Devisen. Das nächste Problem ist: Kuba kann jederzeit von der ­Nutzung bestimmter Programme ausgeschlossen werden. 2010 z. B. sperrte YouTube den ­Kanal von „Cubadebate.cu“, und 2012 verweigerte uns Google die Nutzung mehrerer seiner Dienste.
Die Alternative ist: Kuba geht eigene Wege und entwickelt eigene, gleichwertige Programme.

 Kuba setzt auf freie Software: Das Betriebssystem „Nova“ auf Basis von GNU/Linux wurde an der UCI entwickelt.

Kuba setzt auf freie Software: Das Betriebssystem „Nova“ auf Basis von GNU/Linux wurde an der UCI entwickelt.

„Revista“: Können Sie uns einige Beispiele für kubanische Software nennen?
Edisel Navas Conyedo: An der UCI haben wir ein ganzes Softwarepaket entwickelt mit Programmen für das kubanische Gesundheitswesen (Xavia), das Bildungswesen (Xauce), für das sogenannte E-Learning (Xilema), für die Verwaltung (Xabal) und die Industrie (Xedro).
Oder nehmen wir das Betriebssystem „Nova“ – eine kubanische Software-Distribution auf Basis von GNU/Linux (freie Software), welche an der UCI entwickelt wurde. Die aktuelle Version wurde im März 2013 auf der 15. Internationalen Informatik-Messe in Havanna vorgestellt (www.uci.cu).

„Revista“: … und Kuba exportiert Software?
Edisel Navas Conyedo: Bereits 2009 haben wir eine von Kuba und Venezuela gemeinsam entwickelte Software für Erdöl­unternehmen mit dem Namen „Guardian del Alba“ vorgestellt, die heute in Venezuela im Einsatz ist. Des Weiteren hat die UCI Computerprogramme für Ecuador (Verarbeitung von medizinischen Bildern), für Venezuela (Identifikation von Reisepässen), für Mexiko (digitale Reisepässe) und für Spanien (Krankenhäuser) entwickelt sowie für Ecuador und Bolivien Programme für Menschen mit Behinderungen.
Mit unseren Softwareprodukten sind wir auf dem lateinamerikanischen Markt schon gut vertreten, wollen aber natürlich noch mehr internationale Kunden gewinnen. Ich denke, Informatiker ist ein zukunftsträchtiger Beruf in unserem Land.

„Revista“: Arbeitet die UCI mit Universitäten oder Forschungseinrichtungen anderer Länder ­zusammen?
Yvonne Caridad Collada Peña: Es gibt Arbeitsbeziehungen zu einigen spanischen und mexikanischen Unternehmen. Indien, Kanada und Spanien haben Absichtserklärungen für Kooperationen gegeben. Mit der italienischen Region ­Kalabrien gibt es schon Rahmenverträge über den Austausch von Professoren, für gemeinsame Entwicklung von Software und für die postgraduale Ausbildung. Einige Verbindungen im akademischen Bereich gibt es auch mit Deutschland. Angola hat Interesse an unserem Universitätsmodell und will auf kubanische Hilfe zurückgreifen. Viele ausländische Besucher würden unser Modell gern kopieren, haben aber in ihren Ländern nicht die notwendigen Bedingungen dafür. Denn unsere Stadt der Wissenschaften erfordert große staatliche Investitionen und eine Übereinstimmung von Lehre, Forschung und Produktion mit den Zielen der Gesellschaft.

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